Be like Water – WEEKLY PLANET #108

In Weekly Planetby LeleLeave a Comment

Ich denke ich kann guten Gewissens sagen, dass ich angekommen bin. Die Wohnung ist schön, der Flur ist fertig, die Leisten kommen irgendwann und die Welt ist noch nicht ganz untergegangen. Sicher, es gibt Apps, die Kinder ins Ferienlager begleiten und dann mit Hilfe von Gesichtserkennung Bilder zuordnen. Aber in Hong Kong gibt es freundliche Demonstrant*innen, die Touristen auf die nahe Demonstration hinweisen und in die andere Richtung schicken. Es ist also noch nicht alles verloren. Gestern saß ich lesend auf dem Balkon, heute schreibe ich das hier.

DRAGONS EAT EVERYTHING UPDATE

  • der letzte WEEKLY PLANET #107
  • Playlist für ALL YOU CAN EAT #163
  • NERD FEUILLETON #33 über „Once Upon a Time in Hollywood“ und einiges mehr
  • Die aktuelle Folge vom NINJA PIRATE BROADCAST

West, West Texas von Tillie Walden

Tillie Walden ist eine sehr junge und fantastische Comic Zeichnerin und Illustratorin. Sie hat mit „Pirouetten“, einem autobiographischen Comic über Eiskunstlaufen einen Eisner Award gewonnen und schreibt und zeichnet auch sonst sehr, sehr schöne Dinge. Das neueste Werk heißt auf Deutsch „West, West Texas“ und handelt von Bea und Lou, die aus unterschiedlichen Gründen nicht nach Hause wollen und stattdessen einen Roadtrip durch die USA unternehmen. Bea ist etwas jünger als Lou und bis die beiden tatsächlich zusammen unterwegs sind, vergeht etwas Zeit. Es dauert, bis sie sich öffnen, aber während sie eine Katze durch immer surrealer werdende Landstriche zurück zu ihrer Familie bringen, werden sie zu guten Freundinnen. Die Katze bring Gefahren mit sich, aber es sind nicht nur die unheimlichen Männer, Mitglieder einer fragwürdigen Organisation, es sind auch die Gründe, die für Beas Flucht sorgten, die die beiden beschäftigen.

„Pirouetten“ war sehr geradeaus. Das junge Mädchen verliert langsam das Interesse am Sport und findet dennoch Ruhe in der Tätigkeit. Aber Tillie Walden hat auch Comics die etwas sphärischer, fantastischer und manchmal etwas wirrer sind. „West, West Texas“ ist wunderschön. Das steht außer Frage. Aber die Story scheint mir etwas unfertig, als ob sie zu viel will. Sie macht Türen auf und erklärt sich nicht vollständig. Sie lässt mehr Fragen offen als sie beantwortet. Gleichzeitig geht es in der Geschichte aber um Trauma und den Umgang damit. Dieser Teil gelingt wiederum. Vielleicht ist das Weglaufen vor den düsteren Gestalten auch nur eine Darstellung von der Art und Weise wie sowohl Bea als auch Lou versuchen mit traumatischen Ereignissen und Verlust umzugehen.

Manchmal deutet Walden Panelgrenzen an und verwischt sie gleichzeitig, so vergeht Zeit, Bilder sind getrennt und dennoch verbunden. Sie kann eine neue Szene in einer alten öffnen. Gleichzeitig geben die weißen Linien, die die Panel trennen der Seite Struktur und führen das Auge über die Seite. Ich fand das sehr cool.

Und dann sind da noch die Farben. Laut Danksagung hat sie diese nicht alleine gemacht. Sie sind wunderschön. Satt, verwischt und sehr gut auf die feinen Linien ihrer Zeichnungen zugestimmt. In diese Farben lohnt es sich einzutauchen und ihre Wärme oder Kälte zu genießen. Die Zeichnungen selbst sind ebenso großartig, manchmal filigran und detailliert, manchmal simpel und reduziert. Ich bin ein großer Fan von der Art und Weise wie Walden zeichnet, auch wenn ich manchmal das Gefühl habe, dass ihre Hauptcharaktere sich alle sehr ähnlich sehen.

Ob die Story für die einzelne Person funktioniert, ist eher egal, wenn die Augen so viel schönes in diesem Buch finden. „West, West Texas“ von Tillie Walden ist beim reprodukt Verlag erschienen und kostet laut Etikett stolze 29€. Ich durfte ein Leseexemplar lesen, danke dafür.

Lesestoff

  • Sehr spannender und eingängig berichteter Post über Proteste in Hong Kong:

The protesters divide themselves into groups based on how much they can risk being arrested. The issue is not jail time, but the prospect of losing a job or being kicked out of school, now that China has shown it will crack down ferociously on companies that employ demonstrators.

The frontmost group are the people who actually come into contact with the police, and put themselves at greatest risk of arrest. Behind them there is a supply group, who passes water and other essentials forward, and helps those in front if they are hurt. And behind that is the great body of demonstrators. Those who will be up front are given leeway to make decisions, including telling the crowd to move back and make room, or deciding to disperse and reassemble elsewhere.

Im letzten WEEKLY PLANET gab es einen Artikel über Extinction Rebellion und die Nähe der Organisation zur Polizei. Den möchte ich einmal mehr ans Herz legen.

  • Scheinbar ist Gesichtserkennung in Ferienlagern angekommen. Es ist verdammt gruselig. So verpassen die Eltern nichts von dem was ihre Kinder tun und die wissen nicht, dass sie überwacht werden. Ein Hoch auf die Privatsphäre, ganz von den Datenmengen abgesehen, die bei diesen Firmen landen. Auf der anderen Seite sind die Kinder die sagen: „One picture a day keeps mom away.“ Wirklich beunruhigend wie selbstverständlich Menschen diesen Service nutzen.
  • In die gleiche Richtung schreibt Kim Brooks: We have ruined Childhood – sehr amerikanisch, klar, aber in gewissen Teilen universell
  • Australia is drifting so fast, GPS cant keep up
  • Papierstrohhalme werden den Klimawandel nicht aufhalten. There is no ethical consumption under capitalism
  • Die Zukunft ist faschistisch – hier wird argumentiert, dass die Richtung hin zu rechtem Denken weniger eine Reaktion ist, als das Resultat von Unterdrückung und Kontrollversuchen. Lohnt sich mal reinzuschauen.
  • Essays über GamerGate
  • Noise Pollution and the Brain – ich habe mir Stille abgewöhnt. Irgendwas läuft immer, manchmal um Konzentration zu ermöglichen, manchmal um den Kopf abzuschalten. Spazieren und denken ist gut und wichtig, aber Spazieren und Musik hören schützt vor zu viel denken. Die Mischung machts.

Zum Abschluss noch drei schöne Sachen. Reisen mit Oliver Sacks, ein Interview mit Ira Glass und ein wunderschöner Comic über Pferde und ein Coming Out.

Outro

Hey, es ist noch hell, wenn ich den WEEKLY PLANET schreibe. Der September wird ein schöner Monat. Etwas ruhe, keine Hausarbeiten mehr. Ich habe ne Menge gelesen die letzten Wochen, da kommt also einiges an Besprechungen.

Genießt die kommende Woche und lasst euch nicht ärgern.

About the Author

Lele

Wurde von einer Horde wilder Otakus aufgezogen und hat sich danach der westlichen Comicwelt gewidmet. Leles Spinnensinn klingelt wann immer jemand fragt „Warum heißt er eigentlich BATman, wenn er doch eigentlich der Gute ist?“. Er bringt eine umfangreiche Erfahrung in der Comicindustrie mit und die teilt er gerne mit jedem, egal ob er nun davon hören will oder nicht. Immer gut gelaunt spezialisiert sich Lele neben den Comics vor Allem auf Musik. Falls es eine japanische Underground-Band gibt, in der 4 Schulmädchen auf Gummihühner die Werke Mozarts nachspielen, so hat Lele schon ein Interview geplant, ein T-Shirt der Band im Schrank und ein Tattoo der Frontsängerin auf seinem Knöchel. „Also ich habe ja die Bücher gelesen…“ – Lele Lucas

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