Kleine Story, große Kunst – PTSD von Guillaume Singelin

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In Junky einer Sammlung von Zeichnungen, Sketchen und Illustrationen von Guillaume Singelin gibt es ein Kapitel namens „Trauma Soldier“. In dem von Peow Studios veröffentlichten Artbook beschreibt Singelin wie es ist, zum ersten Mal eine ganze Geschichte alleine zu schreiben. Jetzt ist PTSD endlich erschienen, etwas später als angekündigt, aber immer noch bei First Second. Hier wird er besprochen.

PTSD erzählt die Geschichte von Jun, einer Veteranin, die, nach einem Krieg den niemand wollte, in einer namenlosen Stadt gelandet ist. Hier hat sie der Staat abgelegt und zurück gelassen. Sie ist nicht allein damit, die Stadt ist voll von Veteran*innen, die sich entweder zusammen tun oder ihr eigenes Ding machen. Vereint sind sie durch ihre beschissene Situation und teilweise durch eine Abhängigkeit von Schmerztabletten, die versprechen die Schmerzen zu lindern und Schlaf zu ermöglichen.

via Guillaume Singelin

In dieser asiatisch angehauchten Metropole trifft Jun auf Leona, die zusammen mit ihrem kleinen Sohn Bao eine Eckrestaurant betreibt. Leona versucht zu helfen, wird aber von einer wütenden Jun abgewiesen. Jun glaubt alleine klar zu kommen und ist nicht bereit Hilfe zuzulassen. Auch nicht von Grey, einem weiteren Veteranen, der ihr stattdessen einen Hund zur Seite stellt. Dieser ist erstaunlich anhänglich und hilfreich.

In Rückblenden erfahren wir, dass Jun im Dienst die Scharfschützin ihrer Truppe war, die dafür gesorgt hat, dass ihre Mitsoldat*innen aus den meisten Auseinandersetzungen heil davon kamen. Sie hatte einen Zweck und eine Aufgabe. Die scheinen ihr jetzt zu fehlen. Sie sucht sich eine Neue, im Glauben, dass Kämpfen das einzige sei, was sie kann. So kommt es, dass sie Drogendealern das Produkt abnimmt. Leider schafft sie dadurch eine Gefahr für die anderen Veteran*innen und nicht zuletzt Leona und Bao, die ins Kreuzfeuer geraten.

via Guillaume Singelin

Ich bin nicht erst seitdem ich Junky auf Kickstarter unterstützt habe ein großer Fan von Singelin. Die Zeichnungen sind lebendig, seine Stadt lebt und die Farben sind ihren Situationen angepasst nie zu knallig, aber immer satt und üppig. Die Zeichnungen scheinen alle mit der selben Stiftbreite gemacht zu sein und sind in ihren Details bewundernswert. Die Überbleibsel des roten Bleistiftes lassen Einblicke in den Prozess des Zeichnens zu und geben ein schönes Gefühl von Handarbeit, das eher eine größere Ehrfurcht vor den Zeichnungen hervorruft, als von der Geschichte ablenkt. Kampfszenen sind dynamisch und vielseitig. Schussgeräusche sind digital über die Zeichnungen geschrieben und nicht vorgefertigt. Sie funktionieren in ihren Größen mal mehr und mal weniger. Als einiges Signal für Schreie oder Brüllen reicht eine eckige Spruchblase, aber auch das funktioniert ohne Probleme. PTSD sieht fantastisch aus. Wirklich. So können Comics aussehen.

Letzteres ist auch eher der Grund sich das Buch zuzulegen. Die Geschichte ist nichts besonderes. Sie ist gut erzählt, aber etwas Klischeebehaftet. Anders als beispielsweise Tom King in seinen Heroes in Crisis (DC) geht Guillaume Singelin respektvoller und in einem gewissen Rahmen realistischer mit dem Thema Trauma um. Der Hund als Hilfestellung ist gut gelungen, auch wenn seine absolute Hingabe einen Touch Disney in sich trägt. Die Abneigung gegen Schmerzmittel funktioniert im Rahmen der Geschichte, hätte aber in einer umfangreicheren Betrachtung etwas mehr Nuancen vertragen können.

Am Ende erzählt PTSD von einer Frau, die zurückgelassen wurde und die für sich etwas finden muss, was funktioniert. Für die Geschichte wird Singelin keinen Preis bekommen, aber die Zeichnungen sollten ihn auf einen Thron hieven und dort fest verankern. Ich möchte mehr, bitte.

PTSDT ist bei First Second erschienen und hat mich rund 25€ gekostet. Es ist ein wunderhübsches Hardcover. Blackdog hat es vielleicht noch vor Ort, ansonsten empfehle ich den lokalen Buchhandel!

About the Author

Lele

Wurde von einer Horde wilder Otakus aufgezogen und hat sich danach der westlichen Comicwelt gewidmet. Leles Spinnensinn klingelt wann immer jemand fragt „Warum heißt er eigentlich BATman, wenn er doch eigentlich der Gute ist?“. Er bringt eine umfangreiche Erfahrung in der Comicindustrie mit und die teilt er gerne mit jedem, egal ob er nun davon hören will oder nicht. Immer gut gelaunt spezialisiert sich Lele neben den Comics vor Allem auf Musik. Falls es eine japanische Underground-Band gibt, in der 4 Schulmädchen auf Gummihühner die Werke Mozarts nachspielen, so hat Lele schon ein Interview geplant, ein T-Shirt der Band im Schrank und ein Tattoo der Frontsängerin auf seinem Knöchel. „Also ich habe ja die Bücher gelesen…“ – Lele Lucas

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