John Townsend via The British Museum

Privatsphäre olé! – WEEKLY PLANET #94

In Weekly Planetby LeleLeave a Comment

Diese Woche bin ich großer Fan von Mama Jefferson. Die Band kommt aus der Schweiz und ich habe seit langem keine Band mehr gesehen die so unglaublich glücklich auf der Bühne war. Das Konzert war sehr gut, die Musik schwer und laut und ich war erst um halb vier zu Hause.

In diesem WEEKLY PLANET gibt es eine Besprechung von PTSD, einem sehr feinen Comic. Paula hat über den Frauenkampftag geschrieben und es gibt die übliche Sammlung von Lesestoff.

DRAGONS EAT EVERYTHING UPDATE

Im 22. NERD FEUILLETON Podcast wurde die Nummer der Folge auf Grund von spontaner Unwissenheit vergessen. Dann haben wir über Neil Gaiman, The Dragon Prince und die Umbrella Academy philosophiert. Für die 151. Folge ALL YOU CAN EAT haben Paula und ich, anlässlich den 08.03., Musik von tollen Frauen rausgesucht.

Poster vom Lele zur Frauenkampftagssendung

PTSD von Guillaume Singelin

In Junky einer Sammlung von Zeichnungen, Sketchen und Illustrationen von Guillaume Singelin gibt es ein Kapitel namens „Trauma Soldier“. In dem von Peow Studios veröffentlichten Artbook beschreibt Singelin wie es ist, zum ersten Mal eine ganze Geschichte alleine zu schreiben. Jetzt ist PTSD endlich erschienen, etwas später als angekündigt, aber immer noch bei First Second.

PTSD erzählt die Geschichte von Jun, einer Veteranin, die, nach einem Krieg den niemand wollte, in einer namenlosen Stadt gelandet ist. Hier hat sie der Staat abgelegt und zurück gelassen. Sie ist nicht allein damit, die Stadt ist voll von Veteran*innen, die sich entweder zusammen tun oder ihr eigenes Ding machen. Vereint sind sie durch ihre beschissene Situation und teilweise durch eine Abhängigkeit von Schmerztabletten, die versprechen die Schmerzen zu lindern und Schlaf zu ermöglichen.

via Guillaume Singelin

In dieser asiatisch angehauchten Metropole trifft Jun auf Leona, die zusammen mit ihrem kleinen Sohn Bao eine Eckrestaurant betreibt. Leona versucht zu helfen, wird aber von einer wütenden Jun abgewiesen. Jun glaubt alleine klar zu kommen und ist nicht bereit Hilfe zuzulassen. Auch nicht von Grey, einem weiteren Veteranen, der ihr stattdessen einen Hund zur Seite stellt. Dieser ist erstaunlich anhänglich und hilfreich.

In Rückblenden erfahren wir, dass Jun im Dienst die Scharfschützin ihrer Truppe war, die dafür gesorgt hat, dass ihre Mitsoldat*innen aus den meisten Auseinandersetzungen heil davon kamen. Sie hatte einen Zweck und eine Aufgabe. Die scheinen ihr jetzt zu fehlen. Sie sucht sich eine Neue, im Glauben, dass Kämpfen das einzige sei, was sie kann. So kommt es, dass sie Drogendealern das Produkt abnimmt. Leider schafft sie dadurch eine Gefahr für die anderen Veteran*innen und nicht zuletzt Leona und Bao, die ins Kreuzfeuer geraten.

via Guillaume Singelin

Ich bin nicht erst seitdem ich Junky auf Kickstarter unterstützt habe ein großer Fan von Singelin. Die Zeichnungen sind lebendig, seine Stadt lebt und die Farben sind ihren Situationen angepasst nie zu knallig, aber immer satt und üppig. Die Zeichnungen scheinen alle mit der selben Stiftbreite gemacht zu sein und sind in ihren Details bewundernswert. Die Überbleibsel des roten Bleistiftes lassen Einblicke in den Prozess des Zeichnens zu und geben ein schönes Gefühl von Handarbeit, das eher eine größere Ehrfurcht vor den Zeichnungen hervorruft, als von der Geschichte ablenkt. Kampfszenen sind dynamisch und vielseitig. Schussgeräusche sind digital über die Zeichnungen geschrieben und nicht vorgefertigt. Sie funktionieren in ihren Größen mal mehr und mal weniger. Als einiges Signal für Schreie oder Brüllen reicht eine eckige Spruchblase, aber auch das funktioniert ohne Probleme. PTSD sieht fantastisch aus. Wirklich. So können Comics aussehen.

Letzteres ist auch eher der Grund sich das Buch zuzulegen. Die Geschichte ist nichts besonderes. Sie ist gut erzählt, aber etwas Klischeebehaftet. Anders als beispielsweise Tom King in seinen Heroes in Crisis (DC) geht Guillaume Singelin respektvoller und in einem gewissen Rahmen realistischer mit dem Thema Trauma um. Der Hund als Hilfestellung ist gut gelungen, auch wenn seine absolute Hingabe einen Touch Disney in sich trägt. Die Abneigung gegen Schmerzmittel funktioniert im Rahmen der Geschichte, hätte aber in einer umfangreicheren Betrachtung etwas mehr Nuancen vertragen können.

Am Ende erzählt PTSD von einer Frau, die zurückgelassen wurde und die für sich etwas finden muss, was funktioniert. Für die Geschichte wird Singelin keinen Preis bekommen, aber die Zeichnungen sollten ihn auf einen Thron hieven und dort fest verankern. Ich möchte mehr, bitte.

PTSDT ist bei First Second erschienen und hat mich rund 25€ gekostet. Es ist ein wunderhübsches Hardcover. Blackdog hat es vielleicht noch vor Ort, ansonsten empfehle ich den lokalen Buchhandel!

via Ianthe

Lesestoff

William Basinski hat ein neues Album und es ist wunderbar zurückhaltend, beruhigend und großartig um dabei zu arbeiten. Wenn es nicht wäre, würde ich meine Heizung blubbern und plätschern hören und mich daran erinnern, dass es viel zu kalt in meinem Zimmer ist.

  • Kashmir Hill hat über mehrere Wochen hinweg die großen Tech Giganten aus ihrem Leben verbannt. Erst einzeln und jetzt alle auf einmal.
  • Warum Facebook und Google sich nicht um Skandale scheren.
  • Facebooks Privatsphäre Versprechen haben nichts mit Privatsphäre zu tun.
  • Wo wir gerade bei Privatsphäre sind, hier ist eine sehr umfangreiche Liste mit Tools die mehr Privatsphäre ermöglichen.
  • Der WWF setzt sich gegen Wilderei ein und bezahlt dafür paramilitärische Kräfte, die ihrerseits töten und einschüchtern. (via nothing.here)
  • Reading in the age of constant distraction
  • Eine Datenbank die den Sklavenhandel in der Geschichte der USA und darüber hinaus darstellt.
  • Wörter die nicht mehr in Restaurantkritiken benutzt werden (sollten). Macht ein Gericht wirklich „süchtig“? Ist das dann was positives?
  • Und in der selben Richtung, Wörter, die für den Umgang mit Sklaverei und dem Bürgerkrieg in den USA nicht geeignet sind. Finde es spannend „Plantage“ als eher positives Wort durch „Arbeitslager“ zu ersetzen. Gleichzeitig lohnt es sich darüber nachzudenken, welche Worte im Sprachgebrauch fest verankert sind und wie sie wirken.
  • Ein toller Comic von Nate Powell über Militarisierung, Wunschdenken und den Punisher Totenkopf.
  • Ein langes Porträt der Witwe des Erfinders von Dungeons & Dragons. Da geht es um Diebstahl, Klagen, Anschläge. huihuihui.
  • Was Sabrina (Netflix) falsch macht, wenn es um Blindheit geht. Immer wieder faszinierend, wie die offensichtlichen und leichten Dinge ignoriert und vernachlässigt werden. Sehr schade!

STUTENBISS der WOCHE

von Paula Georgi

Diese Woche war Frauen*kampftag. Ich verwende bewusst diese Bezeichnung, da wir immer noch für die Gleichberechtigung aller Geschlechter* und Lebensentwürfe kämpfen müssen.

Aufgerufen wurde außerdem zum Frauen*streik, das war in Berlin nun etwas schwierig, da hier zum ersten Mal der 8.März seit der Wiedervereinigung ein Feiertag war. Viele Menschen mussten also gar nicht arbeiten. Wobei einige schon: Dienstleistungspersonal insbesondere in Pflege und Service, Menschen die privat Kinder zu betreuen oder alte und kranke Menschen pflegen müssen, Selbstständige* für die im schlechtesten Fall nie Feiertag ist usw. Besonders schön fand ich daher den „leeren Block“ auf der Frauen*kampftagsdemo. Dieser leere Block war all den Menschen gewidmet, die nicht demonstrieren konnten, weil sie eben andere ökonomische oder private Verpflichtungen hatten oder aus politischen Gründen nicht an einer derartigen Demo teilnehmen konnten.

Auf der Abschlusskundgebung am Oranienplatz performten dann Schleim & Schlau von Die Tsootsies. In diesem Sinne: Anti, Anti, Anti, Anti

the best Capatin Marvel via Jamie McKelvie

Outro

So werte Menschen, ich hoffe das Wochenende war toll, erfolgreich, beruhigend und hat irgendwie doch für irgendwas Kraft gespendet. Lasst es euch diese Woche gut gehen und denkt daran, dass der Regen auch etwas gutes hat. Nächste Woche an selber Stelle, bis dahin, lasst euch nicht ärgern.

About the Author

Lele

Wurde von einer Horde wilder Otakus aufgezogen und hat sich danach der westlichen Comicwelt gewidmet. Leles Spinnensinn klingelt wann immer jemand fragt „Warum heißt er eigentlich BATman, wenn er doch eigentlich der Gute ist?“. Er bringt eine umfangreiche Erfahrung in der Comicindustrie mit und die teilt er gerne mit jedem, egal ob er nun davon hören will oder nicht. Immer gut gelaunt spezialisiert sich Lele neben den Comics vor Allem auf Musik. Falls es eine japanische Underground-Band gibt, in der 4 Schulmädchen auf Gummihühner die Werke Mozarts nachspielen, so hat Lele schon ein Interview geplant, ein T-Shirt der Band im Schrank und ein Tattoo der Frontsängerin auf seinem Knöchel. „Also ich habe ja die Bücher gelesen…“ – Lele Lucas

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